Von Tannenhausen bis Toronto

Radtouren von zu Hause aus durch die ostfriesische Landschaft oder in die weite Welt:Der Auricher Verein „Buten na Binnen“ ermöglicht Menschen, die nicht mehr draußen Fahrrad fahren können, kleine virtuelle Reisen – mit großer Wirkung.

Frank cycling with Bike Labyrinth

Fahrradfahren ist für viele Ostfriesen Lebenselexier. Mit Rad up Pad ist man auf dem flachen Land stets gut unterwegs – zur Arbeit, in der Freizeit oder beim Sport. Was es bedeutet, wenn die gewohnten Touren nach Krankheit oder aus Altersgründen plötzlich nicht mehr möglich sind, hat Frank Willms in der Familie erlebt: Sein Schwiegervater er- krankte an Demenz, dann erlitt seine Schwiegermutter auch noch einen Schlaganfall.

„Die beiden waren tags zuvor noch in Wallinghausen mit dem Rad unterwegs. Und auf einmal ging das nicht mehr. Sie kamen nicht mehr raus.“Eine völlig neue und für alle belastende Situation. Auf der Suche nach Beschäftigungsmöglichkeiten kam Frank Willms auf die Idee: Radfahren von zu Hause aus, das wäre vielleicht was! Der Auricher, selbst begeisterter Rennradfahrer, erinnerte sich, dass er früher bei seinen Touren mit einer 360-Grad-Kamera gefilmt hat, um die Aufnahmen für das Wintertraining auf dem Ergometer zu nutzen.

„Die habe ich wieder herausgekramt, als es meinen Schwiegereltern schlecht ging. Doch das Ganze war nichtseniorengerecht.“ Im Internet stieß der IT-Fachmann auf das niederländsche Unternehmen „Bike Labyrinth“ mit Sitz in Den Haag. Das junge Team bietet Menschen, die nicht mehr in der Lage sind, sich selbstständig im Freien zu bewegen, über 900 virtuelle und interakive Fahrradrouten an. Nach demselben Prinzip.

Das System wird in Seniorenheimen und Wohneinrichtungen weltweit eingesetzt – vor allem in Japan, wo die über 65-Jährigen ein Viertel der Bevölkerung ausmachen. Es ermöglicht das Fahren vom eigenen Sitzplatz aus, also aus dem Stuhl oder Rollstuhl, sodass man nicht auf ein Ergometer steigen muss.

Der Bildschirm, auf dem die virtuellen Routen angezeigt werden, wird an ein medizinisches Fahrrad angeschlossen. Mit Blick auf die Zielgruppe ist alles bewusst einfach gehalten. Es gibt einen Fernseher – den kennt jeder – und das Übertragungsgerät lässt sich mit nur zwei Knöpfen bedienen: Man wählt einfach eine Strecke aus, setzt die Füße auf die Pedale und beginnt zu treten. Nach einem kurzen Countdown geht es los.

Über Land oder durch Städte – immer aus der Perspektive des Radfahrers, der die Strecke draußen, im echten Leben gefilmt hat. Sobald man aufhört zu treten, wird auch die Route auf dem Bildschirm angehalten. Frank Willms war begeistert. Er lieh sich das System von Bike Labyrinth probeweise aus, kaufte ein medizinisches Fahrrad und richtete alles im Wintergarten seiner Schwiegereltern ein.

„Meine Schwiegermutter hat angefangen zu treten und zu lächeln – das erste Mal seit Monaten“, berichtet Willms. Inzwischen ist sie leider verstorben. Für seinen demenzkranken Schwiegervater war das Radfahren gerade nach dem Tod seiner Frau heilsam. „Er fährt sich die Trauer weg“, sagt Frank Willms. „Dadurch hat er Bewegung und Bilder. Das macht was zwischen den Ohren.“ Die Hirntätigkeit wird angeregt.

Frank demonstrating Bike Labyrinth

Verein für Ostfriesische Touren

Also vereinbarte Frank Willms eine Zusammenarbeit mit den Niederländern und er fand Mitstreiter vor Ort, mit denen er einen Verein gründete. „Wir möchten Menschen, die nicht oder nicht mehr draußen Radfahren können, die Welt nach drinnen holen – buten na binnen." So auch der ostfriesische Name des Vereins. Durch das gekoppelte Videosystem sind nun neben den von „Bike Labyrinth" bereitgestellten Routen auch Touren durch Ostfriesland möglich: durch die Wallheckenlandschaft, am Kanal entlang, über die Insel Norderney, zum Pilsumer Leuchtturm, nach Greetsiel, durch die Leeraner Altstadt und mehr. Sogar Schöfeln auf dem Eis oder Tretbootfahren ist möglich.

„Alles, wo sich was bewegt", erklärt Willms. Bewegung, darum geht es. Denn die Forschung zeigt, dass Bewegung eine positive Wirkung auf Menschen mit Demenz hat. „Bei Demenz geht viel verloren, das Radfahren meist nicht." Und: Ausreichende Bewegung kann das Demenzrisiko senken.

Zum anderen sollen die virtuellen Reisen dabei helfen, neue Reize dosiert zu erleben oder Bekanntes wiederzuentdecken. Einmal wieder durch den Wallinghausener Wald radeln oder einfach den vertrauten Arbeitsweg fahren. Willms Schwiegervater ist 30 Jahre lang jeden Tag zum Straßenbauamt Aurich gefahren, also hat er die Strecke für ihn gefilmt. Jetzt fährt der die fünf Kilometer virtuell – mehrfach in der Woche.

Nicht nur in der Familie Willms kommt das System gut an. „Da öffnen sich Türen", berichtet der Initiator. Manchmal auch buchstäblich. Er erzählt von einem Senioren aus Aurich, der als Stadtwerke-Mitarbeiter viele Jahre Ablesungen durchgeführt hat. Als er die Strecke jetzt virtuell mit dem Rad nachfuhr, erinnerte er sich wieder genau, wo sich in den Häusern die Wasseruhren befinden.

Frank delivered Bike Labyrinth to care home

Alle Bilder und Geräuschkulissen in den Filmen sind realistisch: Man hört Autos fahren, Fahrradklingeln, Vögel zwitschern, Hunde bellen, Stimmengewirr, Baustellenlärm. „Dadurch werden die Senioren aufmerksam, richten sich auf. Man hat ein authentisches Radfahrgefühl, nur auf Fahrtwind muss man verzichten", sagt Willms mit einem Lächeln. Die Touren dauern zwischen 15 und 20 Minuten. Und nein, es geht nicht schneller, wenn man kräftiger in die Pedale tritt. „Die Senioren sollen ja nicht in den Rennmodus kommen." Allerdings können sie bei einigen Routen an Kreuzungen selbst entscheiden, in welche Richtung sie weiterradeln möchten. Oder mit einer echten Fahrradklingel klingeln – wenn das auch ungehört bleibt.

Einfache Handhabung

Die Fahrradtouren auf dem Bildschirm wecken Erinnerungen, sorgen für Ablenkung und fördern die soziale Interaktion. Damit das funktioniert, ist die Technik bewusst einfach gehalten. Natürlich ginge das auch moderner: „Aber wenn einer eine 3-D-Brille trägt, ist er ja wieder allein unterwegs." So kann man mit anderen nebenbei ins Gespräch kommen – generationsübergreifend im Familienkreis oder im Altenheim.

Weil Frank Willms so überzeugt von der Sache ist und auch andere Menschen daran teilhaben lassen möchte, hat er das Konzept bei der Alzheimergesellschaft und in verschiedenen Pflegeeinrichtungen vorgestellt und probeweise angeboten. So auch im Altenwohn- und Pflegezentrum Eben-Eser Moormerland. „Das war der Renner", sagt Geschäftsführer Dirk Wennmann. „Das Leihgerät stand im Foyer und lief von morgens bis abends. Als es wieder abgegeben werden musste, herrschte große Trauer."
\Ein eigenes anzuschaffen kam aus Kostengründen erst mal nicht infrage, denn komplett liegen diese bei über 11000 Euro. Doch dann beschloss man, eine Spendenaktion zu starten, an der sich das Personal, die Bewohnerinnen und Bewohner und deren Angehörige beteiligten. Binnen 14 Tagen kamen 8000 Euro zusammen. „Das hat mich sehr bewegt", sagt Wennmann. Ein medizinisches Rad konnte er günstig gebraucht erwerben und es im Foyer platzieren – zur großen Freude aller.

Schon morgens früh ist es besetzt, berichtet er. Oft bildet sich eine Traube drumherum. Denn das Ganze funktioniert auch in Gemeinschaft. Wenn einer oder eine fährt und die anderen mitschauen, haben alle was davon. So radeln die Senioren im Eben-Eser gemeinsam durch Ostfriesland – und tauschen sich dabei aus. „Die Leute fangen an zu erzählen und sich zu erinnern. Demenziell Erkrankte erkennen vertraute Orte plötzlich wieder", sagt Wennmann, der das System nach seinen durchweg guten Erfahrungen unbedingt weiterempfiehlt.

„Das Schöne ist, man kann treten, aber man muss nicht. So können es auch diejenigen nutzen, die ihre Füße nicht mehr bewegen können." Und noch etwas schätzen die Nutzerinnen und Nutzer an dem Angebot: „Im Winter, wenn es draußen Grau in Grau ist, kann man damit ins Blaue fahren und kleine Reisen unternehmen, an Orte, an denen man noch nie war." Inzwischen haben die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Altenwohneinrichtung bereits in Eigeninitiative gewünschte Touren gefilmt und eingespielt, zum Beispiel von Borkum.

“Wenn man noch einmal mit dem Rad am früheren Elternhaus vorbeifahren möchte, dann schwingen wir uns in den Sattel, filmen und holen so vielleicht ein bisschen Erinnerung wieder zurück.”

Frank Willms

Die ostfriesischen Routen kommen überall am besten an. Deshalb sucht Willms nun weitere Mitstreiter, die ostfriesische Radrouten filmen und das Angebot erweitern. Der Verein liefert nicht nur das Fahrradsystem, sondern auch regionale „Wunschrouten". „Wenn man noch einmal mit dem Rad am früheren Elternhaus vorbeifahren möchte, dann schwingen wir uns in den Sattel, filmen und holen so vielleicht ein bisschen Erinnerung wieder zurück."

Der Sattel kann übrigens auch ein Pferdesattel sein. Eine „Wunschroutenerfüllerin" hat neulich bei schönstem Herbstwetter mit geliehener Kamera einen Ausritt in den Wiesenser Wald unternommen, damit sich später jemand anderes daran erfreuen kann.

Und wer möchte, kann auf diese Weise in die Welt hinaus radeln. Nach New York, Rio, Tokio, Stockholm, Sydney oder Amsterdam. Willms Schwiegervater macht davon gern Gebrauch. „Neulich erzählte er mir, dass er an der Copacabana war." Im Familienkreis führen seine Reisen bisweilen zu kuriosen Gesprächen. Frank Willms' Schwager, der in Kanada lebt und schon öfter erzählt hatte, dass er in Toronto wegen des hohen Verkehrsaufkommens nicht mit dem Auto fährt, staunte nicht schlecht, als sein Schwiegervater ihm am Telefon sagte: „Daar is heel neet so vööl Verkehr." Woher er das denn wissen wolle, fragte er. Antwort: „Daar bün ik vanmörgen mit d' Rad unnerwegens west."

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